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Wer Macht benutzt, sollte sie mit leichtem Griff handhaben. Wer sie mit zu viel Kraft ergreift, wird von der Macht überwältigt und ihr zum Opfer fallen.
Bene-Gesserit-Axiom
Dem Baron gefiel überhaupt nicht, was er über seinen Halbbruder erfahren hatte.
Auf dem Raumhafen von Harko City beluden Männer seine private Fregatte mit der Ausrüstung, die er für eine Reise nach Arrakis benötigte. Damit der Gewürzabbau reibungslos verlief, musste er immer wieder einige Monate in diesem Höllenloch verbringen und das Pack der Schmuggler und der verfluchten Fremen seine Faust spüren lassen. Nach dem Schaden, den Abulurd dort vor Jahren angerichtet hatte, war es dem Baron gelungen, den wirtschaftlich bedeutendsten Planeten des Imperiums wieder in eine große Geldmaschine zu verwandeln. Der Profit des Hauses nahm kontinuierlich zu.
Und ausgerechnet jetzt, als alles wieder nach Wunsch zu verlaufen schien, musste er sich damit auseinandersetzen! Trotz seiner Dummheit besaß Abulurd das unglaubliche Talent, immer wieder genau das Falsche zu tun.
Piter de Vries, der die schlechte Laune seines Herrn spürte, näherte sich mit Trippelschritten. Er wollte assistieren – oder zumindest den Anschein erwecken, es zu tun. Er wusste genau, dass er dem Baron jetzt nicht zu nahe kommen durfte. In all den Jahren war es ihm immer wieder gelungen, den Zorn seines Herrn abzulenken, wodurch er deutlich länger als die früheren Mentaten des Hauses Harkonnen überlebt hatte. Als er noch jünger und schlanker gewesen war, konnte Wladimir Harkonnen wie eine Kobra töten, indem er jeder unerwünschten Person durch einen gezielten Schlag den Kehlkopf zermalmte. Doch jetzt war er so kraftlos und korpulent geworden, dass de Vries ihm mühelos ausweichen konnte.
Wutschnaubend saß der Baron im Rechnungsbüro seiner Burg. Sein ovaler Schreibtisch aus Schwarzplaz war so glatt poliert, dass man darauf hätte Schlittschuh laufen können. In einer Ecke stand ein riesiger Globus von Arrakis, ein Kunstobjekt, um das ihn jede Adelsfamilie beneidet hätte. Doch er protzte damit nicht vor Besuchern aus Adel oder Politik, sondern bewahrte ihn in diesem privaten Zimmer auf, um sich ganz allein daran zu erfreuen.
»Piter, was soll ich nur tun?« Er deutete auf einen Haufen aus Nachrichtenzylindern, die kürzlich per Kurier eingetroffen waren. »Die MAFEA verlangt in nicht gerade dezentem Tonfall eine Erklärung und eine Garantie, dass die Walpelz-Lieferungen von Lankiveil trotz des ›Wechsels in der Führung‹ weitergehen.« Er schnaufte. »Als wäre ich daran interessiert, die Produktionsmengen zu reduzieren! Sie legen Wert darauf, mich zu erinnern, dass das Gewürz nicht das einzige bedeutende Wirtschaftsgut ist, das vom Haus Harkonnen kontrolliert wird. Sie drohen damit, mir den Posten im Aufsichtsrat der MAFEA zu entziehen, wenn ich meinen Verpflichtungen nicht nachkomme.«
Mit einer lässigen Handbewegung schleuderte er einen kupfernen Nachrichtenzylinder gegen die Wand. Es gab ein lautes Scheppern, als er eine Scharte im Stein hinterließ und zu Boden fiel.
Er hob einen zweiten Zylinder auf. »Imperator Shaddam möchte wissen, warum mein Halbbruder den Namen der Familie Harkonnen ablegt und den Titel des planetarischen Gouverneurs für sich beansprucht.«
Auch diesen Zylinder warf er gegen die Wand. Er traf mit einem noch lauteren Knall in unmittelbarer Nähe der ersten Scharte auf. Der Baron nahm sich einen dritten. »Das Haus Moritani auf Grumman bietet mir militärische Unterstützung an, falls ich direkte Maßnahmen ergreifen möchte.« Der dritte Zylinder schlug gegen die Wand. »Die Häuser Richese und Mutelli können ihre Neugier kaum zügeln und lachen sich hinter meinem Rücken schlapp!«
Weitere Nachrichtenzylinder flogen durch den Raum, bis der Schreibtisch leer war. Eine der Metallröhren rollte auf Piter zu, und er hob sie auf. »Diese haben Sie noch gar nicht geöffnet, Herr.«
»Dann tu du es für mich. Wahrscheinlich besagt die Nachricht genau dasselbe wie alle anderen.«
»Natürlich.« Der Mentat benutzte einen langen Fingernagel, um das Siegel der Kapsel aufzubrechen und den Deckel abzunehmen. Er holte einen Bogen Kristallpapier heraus und überflog ihn, während seine Zunge über die Lippen fuhr. »Ah, von unserer Spionin auf Caladan.«
Der Baron horchte auf. »Ich hoffe, es gibt gute Neuigkeiten.«
De Vries lächelte, als er die chiffrierte Botschaft übersetzte. »Chiara entschuldigt sich, dass sie nicht in der Lage war, früher eine Nachricht zu schicken. Aber sie macht gute Fortschritte mit der Konkubine. Sie hat es geschafft, Kailea Vernius gegen den Herzog aufzubringen.«
»Immerhin etwas.« Der Baron rieb sich das fette Kinn. »Lieber hätte ich allerdings gehört, dass Leto einem Attentat zum Opfer gefallen ist. Das wäre wirklich eine gute Neuigkeit gewesen!«
»Chiara zieht es vor, ihre eigenen Methoden einzusetzen und selbst das Tempo vorzugeben.« Die Botschaft auf dem Kristallpapier verblasste, worauf de Vries sie zusammenknüllte und zusammen mit dem Zylinder fortwarf. »Wir können uns nicht sicher sein, wie weit sie gehen wird, Mylord, da sie in dieser Hinsicht ihren eigenen ... moralischen Maßstäben anhängt. Spionage ist eine Sache, Mord jedoch etwas ganz anderes. Aber sie ist die Einzige, die wir durch Thufir Hawats Sicherheitsüberprüfungen schmuggeln konnten.«
»Schon gut, schon gut.« Dieses Thema hatten sie längst ausdiskutiert. Der Baron richtete sich mühsam von seinem Sitz auf. »Zumindest können wir dem Herzog etwas Sand in die Augen streuen.«
»Vielleicht sollten wir mit Abulurd etwas mehr als nur das machen.«
Der fette Mann, der vom Suspensorsystem an seiner Hüfte gestützt wurde, schätzte die Kraft seiner wabbeligen Arme falsch ein und wäre fast gestürzt. De Vries war weise genug, nichts zu diesem Vorfall zu sagen, doch er speicherte die Daten, damit er eine ordentliche Mentatenanalyse durchführen konnte, wenn sein Herr danach verlangte.
»Vielleicht.« Das Gesicht des Barons rötete sich. »Abulurds älterer Bruder Marotin war ein Idiot. Und zwar nicht im übertragenen Sinne. Ein sabbernder, hirngeschädigter Kretin, der sich nicht einmal selbst anziehen konnte. Trotzdem hegte und pflegte seine Mutter ihn, als wäre Marotin die Energien wert, die nötig waren, um ihn am Leben zu erhalten.« Sein verfettetes Gesicht war vor unterdrückter Wut rot angelaufen.
»Und jetzt scheint es, als hätte Abulurd einen ganz ähnlichen Hirnschaden, der sich allerdings auf subtilere Weise bemerkbar macht.« Er schlug mit der flachen Hand auf die glänzende Schwarzplazoberfläche und hinterließ einen Abdruck, den die Selbstreinigungssysteme des Mobiliars allmählich entfernen würden.
»Ich wusste nicht einmal, dass seine Hexe Emmi schwanger war. Jetzt hat er einen weiteren Sohn, ein süßes kleines Baby – und Abulurd hat dem Kind alle Geburtsrechte genommen.« Der Baron schüttelte den Kopf. »Dir ist bewusst, dass dieser Junge zu einer wichtigen Persönlichkeit werden könnte, zu einem weiteren Harkonnen-Erben ... doch sein dummer Vater hat auf all das verzichtet.«
Während sich die Wut seines Herrn steigerte, gab de Vries besonders darauf Acht, außerhalb seiner Reichweite zu bleiben, auf der gegenüberliegenden Seite des ovalen Tisches. »Mylord, soweit mir bekannt ist, hat sich Abulurd genauestens an die gesetzlichen Anforderungen gehalten. Nach den Regeln des Landsraads ist er befugt, Zugeständnisse zu fordern und in Anspruch zu nehmen, die nur wenige von uns überhaupt in Betracht gezogen hätten. Wir mögen es nicht für richtig halten, doch Abulurd hat seine Kompetenzen als Angehöriger des Hauses Harkonnen keineswegs ...«
»Ich bin das Haus Harkonnen!«, brüllte der Baron. »Er hat gar keine Rechte, sofern ich sie ihm nicht gewähre.« Er ging um den Tisch herum. Der Mentat stand erstarrt da und machte sich Sorgen, dass der korpulente Mann ihn nun doch angreifen könnte. Stattdessen deutete er auf die Tür des Zimmers. »Wir sollten Rabban aufsuchen.«
Sie liefen durch die hallenden Gänge der klobigen Burg bis zu einem gepanzerten Außenlift, der sie von den spitzen Türmen in einen isolierten Bereich tief unten brachte. Glossu Rabban bereitete sich zusammen mit der Hauswache auf einen Gladiatorenwettkampf vor, der für den Abend geplant war. Der Baron hatte die Tradition begründet, dass vor jeder längeren Reise nach Arrakis solche Kämpfe veranstaltet wurden.
In der Arena säuberten stumme Sklaven die Sitzreihen und räumten den Abfall fort. Die großen Wettkämpfe des Barons zogen regelmäßig viele Besucher an, und er benutzte derartige Spektakel, um Gäste aus anderen Großen Häusern zu beeindrucken. Die schweren Türen aus Durastahl waren noch geschlossen. Dahinter waren die für den Wettkampf bestimmten Tiere gefangen. Stark behaarte Arbeiter mit freiem Oberkörper spülten mit Wasserschläuchen die leeren Pferche getöteter Bestien oder Sklaven aus, dann verteilten sie ein Pulver, das Gerüche unterdrückte.
Obwohl er gar keine Arbeit zu tun schien, stand Rabban schwitzend inmitten der Männer. Er trug ein ärmelloses Wams aus beschlagenem Leder und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Die dicken Lippen geschürzt und mit finsterem Blick beobachtete er die Aktivitäten. Andere Arbeiter harkten den Sand auf dem Boden der Arena und siebten Knochen- und Waffensplitter heraus.
Kryubi, der Hauptmann der Hauswache, dirigierte seine Soldaten. Er entschied, wo sich die bewaffneten Männer aufstellen sollten, damit während des Fests eine beeindruckende militärische Präsenz gewährleistet war.
Mithilfe des Suspensorgürtels schwebte der Baron über den Wasserfall der Treppenstufen hinunter, dann gelangte er durch ein mit Stacheln bewehrtes eisernes Tor in die Arena. Seine Füße berührten kaum den besudelten Boden, was seinen Schritten die Anmut eines Balletttänzers verlieh. Piter de Vries folgte ihm mit ganz ähnlichen Tanzschritten.
Kryubi trat vor und grüßte. »Mylord, alles ist vorbereitet. Dieser Abend verspricht ein spektakuläres Fest zu werden.«
»Wie immer«, sagte de Vries. Um seine vom Sapho fleckigen Lippen zuckte ein Lächeln.
»Wie viele Tiere haben wir?«, fragte der Baron.
»Zwei Laza-Tiger, einen Deka-Bären und einen salusanischen Stier, Herr.«
Der Baron musterte die Arena mit funkelnden schwarzen Augen und nickte. »Ich fühle mich heute erschöpft. Ich will keinen langen Kampf. Die Tiere und fünf ausgesuchte Sklaven sollen auf einmal aufeinander freigelassen werden. Jeder soll gegen jeden kämpfen.«
Kryubi salutierte knapp. »Wie Sie wünschen, Mylord.«
Der Baron wandte sich an seinen Mentaten. »Heute Abend wird das Blut in Strömen fließen, Piter. Vielleicht lenkt es mich von dem ab, was ich gerne Abulurd antun möchte.«
»Möchten Sie einfach nur abgelenkt werden, Baron?«, fragte der Mentat. »Oder ziehen Sie etwas ... Befriedigenderes vor? Warum rächen Sie sich nicht einfach an Abulurd?«
Nach kurzem Zögern sagte er: »Eine Rache ist keine schlechte Idee, Piter. Rabban!«
Sein Neffe blickte sich zu ihnen um. Dann marschierte er den beiden Männern auf stämmigen Beinen entgegen.
»Hat Piter dir erzählt, was dein idiotischer Vater getan hat?«
Rabbans Gesichtszüge verzerrten sich. »Ja, Onkel. Manchmal verstehe ich nicht, wie ein solcher Trottel auch nur einen weiteren Tag übersteht.«
»Es ist wahr, dass niemand von uns Abulurd versteht«, sagte de Vries. »Aber eins der wichtigsten Gesetze der Staatskunst besagt, dass man seinen Feind verstehen muss, seine Schwächen auskundschaften muss, um ihn vollständig besiegen zu können. Man muss in Erfahrung bringen, wo man ihm die größten Schmerzen zufügen kann.«
»Abulurds gesamtes Gehirn ist eine einzige Schwäche«, murmelte der Baron düster. »Oder vielleicht auch nur sein blutendes Herz.«
Rabban kicherte, aber viel zu laut.
Der Mentat hob einen langen Finger. »Denken Sie über Folgendes nach: Sein kleiner Sohn, Feyd-Rautha Rabban, ist jetzt sein bedeutendster Schwachpunkt. Abulurd legt äußerst großen Wert darauf, dass – wie er es ausdrückt – ›das Kind ordentlich erzogen wird‹. Offenkundig liegt ihm sehr viel daran.«
Der Baron sah seinen breitschultrigen Neffen an. »Aber wir wollen doch nicht, dass Rabbans kleiner Bruder genauso wie Abulurd wird, nicht wahr?«
Angesichts dieser Möglichkeit zog Rabban eine angewiderte Miene.
De Vries' Stimme war so glatt wie geöltes Eis, als er weitersprach. »Was wäre unter diesen Voraussetzungen demnach das Furchtbarste, das wir Abulurd antun könnten? Was würde bei ihm die größten Schmerzen und die tiefste Verzweiflung auslösen?«
Ein kaltes Lächeln trat auf das Gesicht des Barons. »Eine brillante Frage, Piter. Dafür sollst du wieder einen Tag länger leben. Oder zwei Tage. Ich bin heute in großzügiger Stimmung.«
Rabbans Gesichtsausdruck war leer; er hatte immer noch nichts begriffen. Schließlich kicherte er. »Was sollten wir tun, Onkel?«
Die Stimme des Barons wurde widerlich süß. »Nun, wir müssen nur alles Menschenmögliche unternehmen, um zu gewährleisten, dass dein kleiner Bruder nicht ›ordentlich erzogen‹ wird. Da wir die katastrophalen Entscheidungen kennen, die dein Vater immer wieder getroffen hat, können wir auf gar keinen Fall guten Gewissens erlauben, dass Abulurd Rabban diesen Jungen verdirbt.« Er warf seinem Mentaten einen Blick zu. »Also müssen wir uns selbst um seine Erziehung kümmern.«
»Ich werde die nötigen Dokumente unverzüglich anfertigen lassen, mein Baron«, sagte de Vries mit einem Lächeln.
Der Baron rief nach Kryubi, der sie begleiten sollte, dann wandte er sich an seinen Neffen. »Nimm dir so viele Männer, wie du benötigst, Rabban. Und mach kein allzu großes Geheimnis daraus. Abulurd soll in aller Deutlichkeit erkennen, was er angerichtet hat.«